Yara, das ist die Fremde in meinem Leben. Ihre Schrift war ebenso gekräuselt wie ihr schwarzes Haar. Ihre Stimme erinnerte mich an die Märchen aus tausendundeiner Nacht. Und auch sie selbst sprach ohne Unterlaß. Als müßte sie, genau wie Sheherazade, um ihr Leben erzählen. Doch anders als der Sultan, schlief ich bei ihren Worten nie ein. Ihr Alphabet war verrätselt wie die Zauber des Orients. Ihre Sätze dufteten nach Safran und Sandelholz, nach Zitronenblüten und Jasmin.  „Yara“,sagte sie, „bedeutet kleiner Schmetterling.“.  Sie war für mich wie ein schwer zu behaltendes Geheimnis. Ich liebte sie und litt unter ihrer Gegenwart.

Yara war nicht gekommen, um zu bleiben. Sie war geflohen, um ihr Leben vor denen zu retten, die das  Andere nicht ertragen. Sie war in die Fremde gegangen, nur, um dort wieder die Fremde zu sein. Sie war wie der schwer zu findende Edelstein, mit dem sich jeder schmücken mochte. Für mich war sie wie eine seltene Blume, welche ich hegen und pflegen wollte.

Deshalb war Yara, wie der erste Buchstabe ihres Namens, eine Verwandlungskünsterin. Wenn ich durch die Straßen hastete, musste ich aufpassen, sie nicht zu übersehen. Klein, zierlich und unscheinbar versteckte sie sich gekonnt in der Masse. Doch stand sie mir im Bus oder an einer Ampel gegenüber, wurde sie mit einem Mal größer, streckte sich und ich wunderte mich über ihre seltsam verhüllte Erscheinung mit den Honigaugen.

Bis sie sich schließlich bei einer Einladung entpuppte und wie ein gerade geschlüpfter Schmetterling ihre wunderschönen Flügel entfaltete. In tausend Farben schillerte sie mich an und

ich vergaß beinahe, wie verletzlich sie war, wenn sie sich in dieser ihrer Pracht zeigte.  Ich war von ihr hingerissen und zugleich zutiefst verunsichert, denn sie war noch immer die faszinierende Fremde für mich. Ihre Haut hatte stets das Licht der südlichen Sonne. Ihr Haar roch immer ganz leicht nach Vanille. Und ihre Augen waren so unendlich tief und dunkel wie der Himmel einer sternenlosen Nacht. Ich war unsterblich verliebt in sie und hatte zugleich unheimliche Angst vor ihr.

Ihr Zuhause war von der Angst zerstört worden. Geblieben waren ihr die Erinnerungen in ihrem Herzen. Aus ihnen webte sie ihre Träume einer besseren Welt. Einer Welt, in der sie geliebt, statt geduldet oder gefürchtet würde. Einer Welt, in der sie, statt einer vorübergehenden Bleibe, ein Zuhause hätte. Einer Welt, von der sie mir bei grünem Tee und süßem Gebäck erzählte. Für mich war sie mein Sehnsuchtsort, den ich nie erreichen würde, die Hüterin meines Fernwehs nach vom Wind in Arabesken verschlungenen Haaren. Sie verfeinerte mein Leben wie Ysop und Thymian die Küche ihrer Heimat. Doch je tiefer ich sie in mein Leben zog, desto mehr verlor ich an Halt und fest Geglaubtem. Je näher sie mir kam, umso schlimmer drehte sich die mir bisher vertraute Welt um mich herum, bis ich drohte, den Verstand zu verlieren und in Panik von ihr weg in mein altes Leben floh.

Zurück in den Tagen, die ich kannte, blieb mir die Erinnerung an sie,  die mit einer Handbewegung den Derwisch wie einen Kreisel in meinem Kopf sich immerfort drehend tanzen lassen konnte.

Yara, die Fremde, war in mein Herz eingezogen, in dem seither die Rahmentrommel schlug und die Rohrflöte spielte.