Die Ordnung der Dinge war seit Langem durcheinander geraten. An den verschiedensten Orten fanden sich immer mehr von ihnen ein, während sie jedoch an den allermeisten Stellen vermisst wurden. So sammelten die Diemisten tagsüber alle Dinge ein, derer sie habhaft werden konnten. Doch die Hälfte der Uhr gehörte dem Noctiker und er wußte sie zu nutzen.

Der Noctiker kam des Tags grundsätzlich zu spät. Nicht aus geistiger oder körperlicher Schwäche. Nein, er tat es, weil er es konnte. Er kam zu spät, um sich zu rächen. Er rächte sich dafür, dass die Diemisten ihre guten Sachen vor ihm versteckten. Die guten Sachen, die er ihnen des Nachts mühsam entwendete, um sie seinerseits wiederum zu verstecken.

Die Gutmütigen unter den Diemisten meinten, er wäre einfach nachtaktiv und verschliefe des Tags die Zeit. Aber dem war nicht so. Der Noctiker hatte sich dieses Leben ganz bewußt ausgesucht.

Es war nie seine Bestimmung gewesen, ein Noctiker zu sein. Wenn er des Nachts wach saß und im Kopfe eine Liste seiner nächsten Ziele zusammenstellte, trank er weder Kaffee noch rauchte er. 

Vielmehr war er so munter wie es nur irgend ging. Es hatte ihn Jahrzehnte gekostet, um die Nacht so nutzen zu können, wie er es heute tat. Wann er damit begonnen hatte, wusste er nicht mehr. Auch nicht warum. Zu viele Erinnerungen hatten sich Schicht für Schicht darauf abgelagert.

Alles, was ihm bewusst war, war, dass er die größeren Dinge in den Fluß werfen musste. Und dass er die Feinsten der Kleinen aufheben durfte. Die meisten aber sollte er dorthin bringen, wo es wenig Dinge gab. Denn das war seine Aufgabe: die Ordnung der Dinge wieder herzustellen.

Als er neulich Nacht wieder am Fluß war, um die größeren Dinge hinein zu werfen, kam eine Frau ans Ufer, über der Schulter einen Sack voller Dinge. Erschrocken wandte er sich zum Gehen, doch nach einigen Schritten zog es ihn zurück zum Fluss zur Frau mit dem Sack voller Dinge.

Aus einem Versteck heraus beobachtete er, wie sie Dinge aus dem Sack zog und sie in den Fluß warf. Wie konnte das sein?

War es nicht seine alleinige Bestimmung, die größeren Dinge in den Fluß zu werfen? Dem Noctiker entglitt sein Sack. Polternd landete er auf dem gepflasterten Weg, der sich zwischen den Häusern und dem Fluß entlangzog. Die Frau aber wand sich keineswegs nach ihm um. Sie zog weiterhin ein Ding nach dem Anderen aus dem Sack heraus und warf es in den Fluß. 

Der Noctiker trat aus seinem Versteck, hob seinen Sack auf und machte sich durch die Dunkelheit auf den Weg nach Hause. 

Die Uhr drehte ihre Kreise und sein Zuhause füllte sich immer mehr.  Zu Säcken voller Dinge kamen Säcke voller Dinge. Sie nahmen immer mehr Platz ein. Der Noctiker saß grübelnd über die Frau mit dem Sack am Fluß dazwischen.

Als die Säcke voller Dinge ihm nicht einmal mehr genug Platz zum Schlafen liessen, begab er sich, in der Linken wie in der Rechten jeweils einen Sack, wieder zum Fluß.

Der Fluss floss vor sich hin und nahm das Mondlicht mit zum Meer. Der Noctiker stand allein an seinem Ufer. Er ließ die Säcke sinken und setzte sich. Er starrte auf das vorbeifließende Wasser bis die Morgendämmerung drohte. Er erhob sich, warf die zwei Säcke in den Fluß und ging nach Hause.

Der Noctiker sollte die Frau von der Nacht nie wieder sehen. Nacht für Nacht stahl er Dinge. Nacht für Nacht ging er zum Fluß, sie hineinzuwerfen. Nacht für Nacht hegte er die Hoffnung, die Frau wiederzusehen.