Um die Welt zu verändern braucht es zuweilen den Geist des Einzelnen, doch immer braucht es die Hände Vieler. So kann ein Einzelner die Idee gebären, doch ihre Umsetzung steht und fällt mit der sie tragenden Gemeinschaft. Denn nur in der als Einheit handelnden Vielheit werden Einfälle zur Wirklichkeit.
Doch das Wir ist nicht nur eine soziale Bedingung des einzelnen Menschen, es ist seine notwendig existenzielle Bedingung. Kein Mensch würde sich auf dieser Welt materialisieren, ohne den zumindest zeitweiligen Zustand des Wir zweier anderer Menschen – seiner Eltern. Und kein Mensch könnte sich entwickeln, ohne das mindestens neunmonatige Wir zwischen Mutter und Kind.
Und ist das nicht die Grunderfahrung des Menschen – dieses Geborgensein im Anderen? Ist es nicht dieser Zustand, nach dem wir uns unser Leben lang sehnen?
Doch wann genau entsteht dieser Zustand wieder erneut, nachdem wir physisch von unserer Mutter durch Austreibung aus dem Paradies getrennt worden sind?
Ist es nicht genau der Moment, in dem wir uns als Einzelne in der Wahrnehmung des Du verlieren und so im Wir wiederfinden? Was passiert mit uns, wenn wir gemeinsam Musizieren, Liebe erfahren oder zusammen tanzen?
Das Erlebnis des Wir im gemeinsamen Tun erzeugt stets einen Rausch. Dabei spannt sich der Bogen vom leichten Berauschten bis hin zur völligen Ekstase. Doch was bestimmt die Intensität des Glücksgefühls beim Aufgehen im Wir? Ist die Stärke des erlebten Glücks parallel zum Grad des eigenen Aufgehens im Wir? Ist es nicht sogar so, dass man den Grad der Verbundenheit von Menschen im Außen erkennen kann?
Was wenn die Göttinnen in den Megalithkulturen nicht wegen ihrer Macht Leben zu geben, verehrt wurden, sondern wegen des Zustands des Wir, für den sie standen? Und ist es nicht folgerichtig, dass die Krieger Frauen unterdrücken, quälen und kontrollieren, eben weil sie sich der Sehnsucht nach dem Zustand des Wir verweigern?
Und sind die Krieger nicht nur eine von vielen Verkörperungen jener Bestrebungen, sich vom Wir zu ermächtigen, indem sie das Du zerstören? Doch genau darin liegt die Tragik: Indem sie das Du zerstören, berauben sie sich der Wirkmächtigkeit des Wir-Prinzips Lebens. Jegliche Kultur, welche die lebensspendende Kraft des Wir zerstört, ist dem Untergang geweiht.
